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Samstag, 13. Juli 2013

Keine Angst vor Freundlichkeit!

Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Pferd oder einen Hund aufzunehmen, der wird sich wahrscheinlich auch dafür interessieren, wie es sich am besten mit dem Neuzugang leben lässt. Kein Problem, Literatur gibt es zuhauf! Über Verhalten, Psychologie und Erziehung. Also, los gehts...
Schnell erfahren wir, dass es bestimmte Dinge gibt, die der Hund, oder das Pferd tut, um uns zu dominieren! Indem sie uns zu nah kommen, auf das Sofa springen, oder – und nun halten Sie sich fest – indem wir sie mit Futter belohnen versuchen sie, die Herrschaft zu übernehmen! Sehen Sie sich also vor!

Auch wenn ich etwas übertreibe, viele Menschen beurteilen die Tier-Halter-Beziehung eben nach solchen Allgemeinplätzen. Das geht so weit, dass mir eine Tierärztin (!) bescheinigte, meine Hündin „dominiere mich“ (O-Ton), weil sie sich nicht auf ihre wegrutschende Waage traute.

Nun gut, der Beispiele gibt es viele, sie alle aufzuzählen wäre kaum sinnvoll, aber ich hoffe, der Grundgedanke ist klar.
Vor allem im Pferdebereich geistern viele Mythen von respektlosen, dominanten Pferden, die uns Menschen die Vormachtstellung streitig machen wollen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ein rempelndes unhöfliches Pferd kann gefährlich werden, vor allem in der therapeutischen Arbeit. Dass ich meinen Pferden einen höflichen Umgang beibringen möchte, steht außer Frage. Aber die Maßgabe dafür sollten nicht irgenwelche Standarts aus einem der vielen Bücher sein, sondern sich an meinem persönlichen Empfinden orientieren. Zur Veranschaulichung nun doch noch ein kleines Beispiel: Eine meiner Reitschülerinne putzte ihr Pferd, das seinen Kopf herumnahm und sie anstupste. Sie streichelte ihn und sagte: „ Oh, das hätte er jetzt nicht tun dürfen, oder?“ Auf meine Frage, ob es sie denn störe, sagte sie, nein, sie fände es sogar ganz nett, aber das sei doch respektlos...

Für mich stellt sich die Frage, wie ich denn eine gute und tiefe Beziehung zu meinen Pferden aufbauen soll, wenn ich sie mir in erster Linie vom Leib halten muss, um nicht hoffnungslos im niedrigen Rang zu landen. Gerne wird dann zitiert, dass in der Herde das rangniedrige Pferd niemals (!!) den Individualabstand des ranghöheren unterschreiten würde. Käse!

Erstens tun sie das durchaus, wenn sie sich kennen und mögen und zweitens bin ich nun mal auch kein Pferd. Ich unterstelle mal, dass meine Pferde das durchaus merken. Heißt für mich, das Pferd bedränge mich bitte nicht, denn das empfinde ich als unangenehm. Die Grenze dabei ist aber am jeweiligen Empfinden ausgerichtet. Und je besser ich ein Pferd kenne und je näher wir uns stehen, desto flexibler wird dieser Bereich.

Meine Stute beispielsweise, die es hasst, vom Mücken gepiesackt zu werden, beginnt bei Spaziergängen irgendwann damit, sich an mir scheuern zu wollen. Denn ES JUCKT GANZ FÜRCHTERLICH! Zu Beginn tat sie das recht verzweifelt und dementsprechend rabiat. So ein dominantes Tier! Durchbricht einfach meine Individualdistanz. Ts, ts, gleich mal weichen lassen... Oder, halt, ich bin es ja, die sie in eine Situation bringt, die für sie schwer zu ertragen ist. Als Führende ist es dann auch meine Aufgabe, für ihr Wohlergehen zu sorgen, finde ich zumindest. Also haben wir uns darauf geeinigt, dass man mich nicht halb zu Boden werfen muss um den Kopf zu kratzen, sondern dass ein einigermaßen beherrschtes Bitten reicht und ich verstehe, was sie will. Ich kratze dann im Gehen und ihr Kopf bleibt ganz ruhig in bequemer Kratzhöhe.

Was ich damit sagen will, ist dass es zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Führenden – und als den sehen wir Menschen uns im Umgang mit Tieren – gehört, hinzuhören und zwar in uns selbst und in das Tier. Stört uns ein Verhalten wirklich, oder finden wir es eigentlich ganz nett und versuchen nur es abzustellen, weil uns jemand mal gesagt hat, es sei dominant? Im zweiten Fall kann man sich mit nur wenig Fantasie vorstellen, wie authentisch wir bei der Durchsetzung sein werden J
Der Maßstab sollte immer unser eigenes Gefühl sein. Kann ich mein gieriges Pferd mit leichten Gesten dazu bewegen, mir bitte nicht in die Tasche zu kriechen? Dann ist alles ok, denn wer würde nicht versuchen an die Köstlichkeiten heranzukommen, von denen er weiß, dass sie da sind. Ich sage nur Schokolade... Muss ich mich allerdings mit aller Macht gegen das Pferd werfen, oder wird es aggressiv, wenn es nichts mehr bekommt, spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, an unseren Umgangsformen zu arbeiten.

Wenn wir aufmerksam für unser eigenes Empfinden und für die Schwingungen unserer Beziehung sind, dann können wir ein authentisches Maß an Konsequenz entwickeln und brauchen keine Angst vor Freundlichkeit und Vertraulichkeit zu haben.

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